Objektiv(e) oder: Darfs ein Gläschen mehr sein?

Je gößer (=länger) die Brenweite, desto Tele

Gehen Sie doch mal in ein Foto-Geschäft und fragen Sie nach den neuesten Gläser. Sie werden einen aufgeschlossenen, respektvollen Verkäufer erleben, der in Ihnen eine Fachmann sieht. Denn die Profis sprechen nicht von Objektiven, sondern von Gläsern.

Gläser sind Ihr wichtigster Ausrüstungsgegenstand. Wichtiger als der Kamerabody. Der Body sorgt für Komfort, die Gläser für eine gute Abbildungsleistung. Die Objektive sind heiß diskutiert und es gibt viele Tests. Die helfen Ihnen aber wenig. Bei mir ist das Glas wie ein Partner: die Chemie muss stimmen. Ein neues Glas ist immer eine heikle Sache - bei mir zumindest. Ich probiere viel aus, sehen mir das Ergebnis an und wie ich mit dem guten Stück zurecht komme. Dann entscheide ich. Mir ist z. B. die Bildschärfe in der Bildmitte extrem wichtig und wie sich das Glas in meiner Hand anfühlt.

Grob gesagt gibt es drei verschiedenen Arten von Gläsern:

Weitwinkel

Weitwinkel = Möglichst viel aufs Bild, aber alles ist ziemlich klein

Brennweite: kleiner als 50 mm, so richtig knuffig sind Brennweiten so um die 24 mm

Normalobjektiv

Normal = normal eben, was denn sonst! Tante Frieda, Onkel Alfons und Ihre Frau auf einem Bild.

Brennweite: 50 mm

Das Normalobjektiv und damit die Brennweite 50 mm heißt deshalb so, weil es am ehensten die Welt so abbildet, wie wir Sie mit unseren Augen normalerweise sehen.

Teleobjektiv

Tele = ein Detail im Bild herausheben, z.B. eine Portraitaufnahme Ihrer Freundin

Brennweite: größer 50 mm

So richtig interessant werden die Teles so ab 180 mm.

Ein Supertele, wie es die Sportfotografen benutzen, hat 500 mm und mehr und kostet 10.000,- EUR oder mehr.

Ihre ersten Gläser

Sie benötigen für den Anfang 2 Objektive:

  • Ein kombiniertes Weitwinkel/Normalobjektiv für Landschaft und Architektur und
  • Ein leichtes bis mittleres Tele für Kinder-, Tierfotografie, Portraits und Details.

Es gilt: keine Experimente mit Dritt-Herstellern. Das heißt es muss entweder Canon oder Nikon sein. Die Standard-Objektive sind eh nicht so teuer, haben aber eine höhere Qualität und den höheren Wiederverkaufswert. Die Preis-Leistung ist ungeschlagen. UND nichts Kompliziertes, also KEINE Festbrennweiten und keine Objektive mit manuellem Fokus. Lassen Sie auch die Finger von den Allroundern, wie einem 18-250. Die können zwar alles, aber nix richtig.

Lernen mit diesen Teilen erst Ihre Vorlieben kennen und versuchen Sie Ihre eignen Grenzen und die Grenzer der Gläser auszuloten. Wenn Sie dann häufiger an die gleiche Grenze stoßen, dann wissen Sie, was Sie als nächsten tun müssen.

Weitewinkel/Normalobjektiv

Standardobjektiv 18-55 mm
Quelle: www.nikon.de

Das normale nehmen Sie, wenn Oma, Opa und Tante zu Besuch kommen und ein Familienbild wünschen. Oder wenn Sie im Urlaub Gebäude oder den Strand fotografieren wollen, das machen Sie in einem Brennweitenbereich von etwa 24 - 75 mm. Da bekommen Sie selbst die längsten Brücken drauf. Das Objektv ist klein, leicht und günstig. Berücksichtigen Sie den Crop-Faktor sollte auf dem Objektiv so etwas wie 18-55 zu lesen sein. So ein Objektiv ist nomalerweise bei der Kamera dabei. Hier sehen Sie ein 18-55 (entspricht etwa: 25 - 77 mm). Dieses Objektiv war eines meiner ersten Objektive.

Jetzt wird aber richtig spannend. Mit diesem Objektiv können Sie Portraits und Detailaufnahmen vergessen. Weil Sie oft nicht nahe genug herankommen, um ein Detail bildfüllend auf die Speicherkarte bannen zu können. Das kennen Sie doch vom letzten Zoo-Besuch: viele Tiere fotografiert, aber alle sind so klein auf dem Foto, dass der Unterschied zwischen Braun- und Eis-Bär kaum zu erkennen ist. Geschweige denn eine Großaufnahme vom Kopf des Tieren. Sie ahnen es: ein Tele muss her. Außerdem wollen Sie doch mal von Ihrem Lieblings-Wauzi und Ihrer Lieblingsfreundin eine schönes Portraitfoto machen und auch dazu brauchen Sie ein leichtes Tele. Passen Sie nur auf, dass Ihre Frau das Foto Ihrer Freundin nicht sieht - ich kanns einfach nicht lassen :-)

Standard-Tele

Teleobjektiv 55-200 mm
Quelle: www.nikon.de

Und da fängt schon das Schlamassel an: Je Tele, desto wackel. Teleobjektive sind unheimlich anfällig fürs Verwackeln! Die Belichtungszeit muss also ziemlich flott werden, länger als 1 / 200 macht bei einem mittleren Tele wenig Sinn!. Hmm.... zu den sich bewegenden Motiven passt das ja ganz gut - also wie liegt das Problem?

Wenn die Belichtungszeit kurz ist, wird das Bild zu dunkel, weil weniger lange Licht auf den Sensor fällt. Die Kamera versucht das auszugleichen und hat einige Tricks parat: Blendenöffnung weiter auf, ist ganz nützlich, da damit die Schärfe auf einen kleinen Bereich reduziert wird - dazu später mehr. Ein anderer Trick ist, die Empfindlichkeit des Sensors zu erhöhen - ätzend, das Bild wird grobkörnig, wenn möglich schalten Sie das ab! Wenns draußen hell ist, ist alles geritzt, nur wenns es mal ein bischen trübe ist, dann war es das! Es sei denn, Sie haben ein Objektiv, das so hochwertig ist, dass es mehr Licht durchlässt. Und genau diese Eigenschaft macht das Teil teuer. Also muss es für den Anfang etwas einfacheres sein.

Also diese Objektiv sollte so bei 70 anfangen und so bei 200 mm aufhören (noch mehr ist gut, aber da wirds dann richtig teuer). Hier sehen Sie das 55-200 (entspricht etwa: 77 - 280) mit einer 4,5 er bis 5,6er Lichtstärke. Ganz passabel, günstig kompakt und leicht, ür en Anfang prima.

(M)ein erstes neues Glas - ein lichtstarkes Tele

Lichtstarkes Teleobjektiv 50-150 mm, Lichtstärke 2,8
Quelle: www.sigma-foto.de

Da ich oft unsere Hunde fotografierte und manchmal nicht still halten wollte ich im Tele-Bereich kürzere Verschlusszeiten. Mittlerweile hatte ich genug Erfahrungen mit den Standard Gläsern und die Grenzen ausgelotet. Also war es Zeit für ein neues Glas. Das neue Tele sollte sehr lichtdurchlässig sein - genannt auch lichtstark. Ich hatte zwei Gläser ins Auge gefasst. Eines von einem Dritt-Hersteller und eines von Nikon.

Ein Sigma hatte es mir angetan: 50-150 mm steht auf dem Objektiv (also 70 - 210 mm real), Lichtstärke 2,8.
Nur ganz nebenbei: Das Glas verfügt über einen Ultraschallmotor, der leise und schnell ist. Der Fokus und das Zool liegt innen. D. h. wenn Sie zoomen, bleibt die Linse wo sie ist, das Glas ”fährt” also nicht vor oder zurück. Das ist sehr angenehm, wenn Sie das Glas irgendwo auflegen oder z. B. an ein Gitte halten, um durch zu fotografieren.

Es ist ein Objektiv speziell für die digitalen Spiegelreflexfotografie und damit gemessen an der Abbildungsleistung sehr kompakt und leicht. Der Preis liegt irgendwo so um die 700,- EUR.

Sigma und Nikon haben auch ein 70 - 200 mm Glas im Programm (also 100 - 280 mm real), Lichtstärke 2,8. Dieses wäre auch für Vollformat geeignet. Dementsprechend ist das Glas größer und auch schwerer. Deshalb hat es auch eine Schelle mit der Sie Glas samt Kamera auf einem Stativ befestigen können. Der Preis liegt weit über 1.000,- EUR.

Ich habe mich für das 50-150 entschieden. Mit fast 1,5 kg war mir das 70-200 einfach zu schwer. Es war viele Jahre meine Lieblingslinse. Heute hat es Konkurrenz bekommen durch eine 50 mm Festbrennweite von Nikon mit der unlaublichen Lichtstärke von 1,4 und durch ein Sigma 85 mm / 1,4. Das 85 mm hat sich zu mittlerweile zu meinem Lieblingsobjektiv entwickelt. Bokeh, Schärfe und Abbildungsleistung sind superb.

Exoten

Was gibt es denn sonst noch so alles? Bei Brennweiten kleiner 10 mm passt fast die ganze Welt auf ein Foto. Dementsprechend wandelt sich das Format von eckig in rund. Es ist die Welt, wie sie ein Fisch sehen würde. Und so heißen diese Teile auch Fischauge.

Was gibts da sonst noch? Achja Macros, Tilt-Shifts, Lensbabys, etc. Dazu bei den einzelnen Themen unter "Fortgeschrittene" mehr.

Und heute?

Wohin haben sich meine Fotogewohnheiten heute entwickelt? Ich bin bei den Festbrennweiten gelandet und fotografiere 75 % meiner Fotos mit dem neuen 85 mm ART 1.4 von Sigma und einem manuellen 25 mm 2.0 Classic von Zeiss. Ab und zu kommt noch ein 50 mm 1.4, ein 12-24 mm 4.0 und 180 mm 2.8 von Nikon zum Einsatz. Für Makros  nutze ich ein 105 mm 2.8 von Nikon.

Nehmen Sie sich das bitte nicht zum Vorbild! Es ist das Setup mit dem ich momentan glücklich bin, da mir die Abbildungsqualität wichtiger als Komfort und Flexibilität. Gerade die 25 mm mit manuellem Fokus ist alles andere als eine Schnappschusslinse. Aber ich liebe die Kontraste und die Schärfe dieser großartigen Linse, so dass ich einigen Zeitaufwand pro Foto in Kauf nehme. Meine Fototasche ist meist ziemlich schwer, denn gerade das 85 mm ist ein Ziegelstein. Die Bilder aber entschädigen mich.

Die Zukunft - keine Ahnung! Vielleicht bin ich irgendwann von Schlepperei und dauerndem Objektivwechsel so genervt, dass ich meine Festbrennweiten wieder in den Schrank stelle. Vielleicht überzeugen mich die spiegellosen irgendwann so sehr, dass ich mich den den Spiegelreflexkameras verabschiede - wer weiß. Doch momentan bin ich happy mit dem, was ich habe.